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Traumapädagogik in Übergangssettings:
Ein Bericht über den Implementierungsprozess im Schlupfhuus

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Das Leitungsteam des Schlupfhuus‘ beschäftigte schon länger die Frage, wie die vielfach komplex traumatisierten Jugendlichen noch besser begleitet und auf welche Art und Weise auch die Fachkräfte in dieser anspruchsvollen Arbeit unterstützt werden können. Vor diesem Hintergrund wurde ein mehrjähriger traumapädagogischer Entwicklungsprozess angestossen. Der Prozess beinhaltete nebst der Wissensvermittlung im Bereich der Psychotraumatologie die Entwicklung einer traumapädagogischen Haltung sowie die Entwicklung traumapädagogischer Konzepte und Instrumente für das spezielle Setting einer stationären Krisenintervention für gewaltbetroffene Jugendliche.

Der traumapädagogische Implementierungsprozess im Schlupfhuus

Das Schlupfhuus Zürich bietet seit 1980 niederschwellige und unkomplizierte Unterstützung für Jugendliche in Not. Die meist von häuslicher Gewalt betroffenen Jugendlichen werden rund um die Uhr ambulant beraten und erhalten, falls zu ihrem Schutz notwendig, umgehend einen vorübergehenden Wohnplatz.

Ein Grossteil der Jugendlichen im Schlupfhuus hat über lange Zeit physische, psychische und/oder sexuelle Gewalt erlebt und zeigt oft komplexe Folgen von Traumata. Diese sind im stationären Alltag auf individueller Ebene und auf Gruppenebene stark spürbar und eine Herausforderung sowohl für die Jugendlichen wie auch für die Mitarbeitenden. Die Leitung des Schlupfhuus entschied sich deshalb, eine traumasensible Arbeitsweise zu implementieren, welche den Bedürfnissen komplextraumatisierter Jugendlichen in Krisen wie auch denjenigen der Mitarbeitenden gerecht werden sollte. In Zusammenarbeit mit der Arbeitsgruppe von Marc Schmid an der UPK Basel wurde erstmalig im deutschsprachigen Raum die Traumapädagogik in ein Übergangssetting transferiert. Dies erstaunt, da doch gerade Jugendliche, die in einem Übergangssetting platziert wurden, oft besonders viele und akut belastende Erfahrungen durchleben mussten.   

Der Implementierungsprozess war auf zwei Jahre ausgelegt. In einer ersten Phase wurden die besonderen Herausforderungen im Übergangssetting reflektiert. Der Prozess beinhaltete nebst der Wissensvermittlung im Bereich der Psychotraumatologie die Entwicklung einer traumapädagogischen Haltung sowie die Entwicklung traumapädagogischer Konzepte und Instrumente für das spezielle Setting einer stationären Krisenintervention für gewaltbetroffene Jugendliche.

Neudefinition des Übergangssettings

Die meisten Jugendlichen befinden sich in einer akuten persönlichen Krise und treten unvorbereitet ins Schlupfhuus ein. Die zusätzliche hohe emotionale Belastungen der Jugendlichen, die kurze Aufenthaltsdauer, der häufige Wechsel in der Gruppenkonstellation und die grosse Unsicherheit bezüglich des weiteren Prozesses bedingte den Begriff des sicheren Ortes für ein Übergangssetting neu zu definieren. Der Fokus wurde auf die emotionale Beruhigung und Stabilisierung der Jugendlichen und Fachpersonen gelegt sowie auf Transparenz und Orientierung im partizipativen Prozess der Suche nach einer geeigneten Anschlusslösung.

In einer Befragung der Jugendlichen durch das Schlupfhuus nannten diese – übereinstimmend mit Forschungsergebnissen aus der Psychotraumatologie – Transparenz, Einschätzbarkeit und Verstehbarkeit als für sie zentrale Faktoren. Diese Erkenntnis floss in die Entwicklung einer graphischen Darstellung ein. Anhand dieser können der Angebotsrahmen, die Zusammenarbeit mit Eltern und weiteren Fachpersonen, die gemeinsame Erarbeitung eines Auftrags, aber auch die Gestaltung der Übergänge vor und nach dem Schlupfhuus thematisiert werden. Die Grafik dient dazu, mit den Jugendlichen, Eltern und auch Fachleuten eine gemeinsame Vorstellung zu entwickeln, was während dem Aufenthalt im Schlupfhuus geschieht und wie es danach weitergehen kann.

Schlupfhuus Rahmen

Beziehungsgestaltung als Stabilisierungsfaktor

Einer der zentralsten Wirkfaktoren der psychosozialen Stabilisierung ist eine gelungene Beziehungsgestaltung. Genau diese ist bekanntermassen für traumatisierte Menschen schwierig und wird durch die kurze Aufenthaltsdauer zusätzlich erschwert. In der Mitarbeiter*innen-Befragung zu Beginn des Prozesses wurde denn auch die Beziehungsgestaltung als einer der wichtigsten Belastungsfaktoren genannt. Dieser Thematik wurde deshalb grosses Gewicht beigemessen und die Strukturen und Gefässe wurden noch bewusster beziehungsorientiert gestaltet. Dazu diente etwa ein selbst entwickeltes Instrument zur Reflexion der eigenen Emotionen, der Beziehungsgestaltung und der Gegenübertragungen. Dieses Instrument wurde auch zur diagnostischen Information über die Jugendlichen hinzugezogen und ermöglichte eine emotionale Versorgung der Mitarbeitenden. Dadurch können (traumakompensatorische) Muster in der Beziehungsgestaltung der Jugendlichen durchbrochen und korrigierende Beziehungserfahrungen ermöglicht werden. Die Beziehungsgestaltung und die bei den Mitarbeitenden ausgelösten Emotionen werden in Fallbesprechungen, im Austausch im Alltag und in Supervisionen ins Zentrum gerückt.

Diagnostikraster für Übergangssettings

Für diagnostische Erkenntnisse wurde ein traumapädagogisches Diagnostikraster entwickelt, welcher sich speziell an der Situation von gewaltbetroffenen Jugendlichen in Übergangssettings orientiert.

Weitere, vertiefte Ergebnisse und Erkenntnisse aus dem Implementierungsprozess, der wissenschaftlichen Evaluation sowie grundlegenden Gedanken zur Traumapädagogik in Übergangssettings, wurden in der Fachzeitschrift «Trauma und Gewalt», Heft 1/ 2021, publiziert. Ausgewählte Ergebnisse werden zudem an einer Fachtagung zum Thema «Traumapädagogik in Übergangssettings» präsentiert.

Die Autoren

Lucas Maissen

Dipl. klin. Heil- & Sozialpädagoge, Psychologe MSc, Notfallpsychologe i.A.
Institutionsleiter Schlupfhuus Zürich
Lehrbeauftragter und Weiterbildungsanbieter in den Bereichen Traumapädagogik, häusliche Gewalt und Krisenintervention
Präsident Schweizer Fachverband Traumapädagogik chTP

PD Dr. Dipl.-Psych. Marc Schmid

Psychologischer Psychotherapeut
Bereichsleiter und Forschungsgruppenleiter
Zentrum für Liaison und aufsuchenden Hilfen
Klinik für Kinder und Jugendliche Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel UPK

Forschungsschwerpunkte: Traumapädagogik, multissystemische Therapie, ausserfamiliär betreute Kinder und Jugendliche, Kooperation KJPP mit anderen Hilfssystemen 

Links

Trauma & Gewalt, Heft 01, Februar 2021

Fachtagung «Traumapädagogik in Übergangssettings» vom 9./10.5.2022

schlupfhuus.ch

chtp.ch

traumapaedagogik.ch