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Care Leaver: von der Jugendhilfe nahtlos in eine eigenständige Existenz?

Care Leaver sind junge Menschen, die einen Teil ihres Lebens in stationären Erziehungshilfen oder Pflegefamilien verbracht haben und von dort aus den Weg in ein eigenständiges Leben beginnen. Der Übergang ins Erwachsenenleben ist dabei von strukturellen Hürden begleitet...

Der Weg in die Selbständigkeit ist bei jungen Erwachsenen – auch bei denjenigen, die in ihrer Herkunftsfamilie aufwachsen - nicht mit dem 18. Geburtstag abgeschlossen und oft von «Umwegen», «Schleifen» und Unsicherheiten geprägt. Die Dauer der Unterstützung ist bei Care Leavern stark begrenzt und die Gewährung von Anschlusshilfen in anderen Unterstützungssystemen ungewiss. Umso mehr ist darauf zu achten, dass bei Care Leavern die Nachhaltigkeit von Erziehungs- und Bildungsmassnahmen sichergestellt wird, indem Übergänge vorbereitet werden und eine gute Nachbetreuung sowie Unterstützungsangebote zur Verfügung stehen. An der Jahrestagung 2015 der Pflegekinder-Aktion Schweiz zum Thema «Care Leaver in der Schweiz. Der Familie entwachsen?» erläutert Dr. Severine Thomas von der Universität Hildesheim (D) in ihrem Vortrag die Situation von Care Leavern. Die meisten 18-jährigen Care Leaver befinden sich in Ausbildung und werden kaum durch ihr privates Umfeld finanziell unterstützt. So bleiben sie auch nach der Erziehungshilfe häufig auf öffentliche Leistungen angewiesen. In ihrem laufenden Projekt «Rechte im Übergang – Die Begleitung und Beteiligung von Care Leavern» hat Severine Thomas diese Gruppe zu ihren Erfahrungen befragt. Auf der Grundlage von narrativen Interviews kristallisierten sich folgende Lösungsmöglichkeiten aus der Sicht von Care Leavern heraus:

  • Es sollten nicht mehrere Übergangsprozesse (z. B. Wohn- und Arbeitssituation) gleichzeitig eingeleitet werden
  • Partizipation im Sinne von Selbstverantwortung und Selbstbestimmung müsste mehr gefördert werden
  • Stärkung von Netzwerken und Erweiterung von Gruppenangeboten
  • Reversible und flexible Übergänge aus Erziehungshilfen sollten ermöglicht werden
    Es gilt, Orte des Zurückkommens zu schaffen
  • Bildung als Aufgabe der Erziehungshilfe müsste besser verwirklicht werden (z.B. durch Nachhilfe, Unterstützung bei Matura und/oder Studienwunsch). Sonst bestimmt die (negativ konnotierte) Herkunft von Care Leavern den gesellschaftlichen Status
    Abschiede sollten vorbereitet werden und Abschiednehmen gelernt werden
  • Bindungen ermöglichen und erhalten: Ehemaligenarbeit und Patenschaften institutionalisieren
  • Infrastruktur für Hilfen (Beratung, Triage) aus einer Hand ermöglichen

Um eine gute Übergangsbegleitung für Care Leaver zu bieten, und deren Entwicklungsfortschritte zu bewahren, ist die strukturelle Förderung von Unterstützungsangeboten nötig. Die Care Leaver müssen in diesem Prozess angehört und in die Ausgestaltung von Angeboten mit einbezogen werden.

> Literaturtipp: B. Sievers, S. Thomas, M. Zeller (2015): Jugendhilfe – und dann? Zur Gestaltung der Übergänge junger Erwachsener aus stationären Erziehungshilfen.