«Nicht jede Verletzung ist sichtbar – Fachliches Handeln für eine gewaltfreie Erziehung»
Am 17. und 18. März 2026 fand in Bern die zweite nationale Fachtagung Sozial- und Sonderpädagogik statt. Sie widmete sich dem Thema der gewaltfreien Erziehung, mit Fokus auf unsichtbare Gewaltformen.
Um den Anliegen und Bedürfnissen der betroffenen Kinder und Jugendlichen bestmöglich zu entsprechen, wurde bei der Erarbeitung des Konzepts zur Fachtagung Wanda Coelho beigezogen, die in einer Institution aufgewachsen ist. Im aktuellen Kontext, in dem das Prinzip der gewaltfreien Erziehung demnächst im Zivilgesetzbuch festgeschrieben wird, fanden sich mehr als 130 Teilnehmende ein, um das Thema gemeinsam zu beleuchten und zu diskutieren, wie das Prinzip der gewaltfreien Erziehung in der alltäglichen Begleitung von Kindern und Jugendlichen umgesetzt werden kann. Dabei wurde eine besondere Aufmerksamkeit auf Formen der psychischen Gewalt gelegt, die oftmals äusserlich nicht sichtbar, aber deswegen nicht weniger einschneidend sind.
Erster Tag: Unsichtbare Gewaltformen
Am ersten Tagungstag vertieften wir die Kenntnisse zu diesen unsichtbaren Gewaltformen und gingen der Frage nach, wie Fachpersonen sie besser identifizieren können. Jacqueline Sidler eröffnete die Tagung mit einem Überblick über die Entwicklung des neuen ZGB-Artikels und einem Exkurs dazu, was das Konzept der gewaltfreien Erziehung umfasst. Dabei legte sie den Blick insbesondere auf die verschiedenen Formen von Gewalt im pädagogischen Kontext und auf die Kriterien, die es braucht, um psychische Gewalt erkennen zu können. Anschliessend präsentierte Maria Sorgo die Symptome und Folgen psychischer Gewalt bei Kindern und Jugendlichen. In der Diskussion wurde die Schwierigkeit erörtert, diese Symptome von Verhaltensstörungen zu unterscheiden, und gleichzeitig die Wichtigkeit einer interprofessionellen Zusammenarbeit in Fällen von Verdacht auf Gewalt unterstrichen. Anne Cattagni und Nathalie Roman-Glassey gingen anschliessend auf eine andere Dimension psychischer Gewalt ein, indem sie die Lebenswirklichkeit von Kindern aufzeigten, die häusliche Gewalt in ihrer Familie miterleben. Gestützt auf ihre Forschungsarbeiten und Auszüge aus Aussagen betroffener Kinder, die bei der Studie mitgemacht haben, präsentierten sie mehrere praxisnahe Empfehlungen für Fachpersonen.
Am Nachmittag konnten die Teilnehmenden die Themen des Vormittags im Rahmen mehrerer Workshops vertiefen: Begleitung von Minderjährigen als Co-Opfer häuslicher Gewalt in Institutionen, feinfühlige Gesprächsführung mit Kindern mit kognitiven Beeinträchtigungen, Erkennen nonverbaler Signale bei Kleinkindern, die Gewalt erlebt haben.
Der erste Tag schloss mit einem gemeinsamen Aperitif, der auch gleich den Auftakt zu den Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag von Integras darstellte.
Zweiter Tag: Gewaltfreie Erziehung
Der zweite Tag war der praktischen Umsetzung einer gewaltfreien Erziehung in der täglichen Arbeit gewidmet: Wie kann die Reproduktion von Gewalt in Institutionen und Heimen vermieden werden? Und können wir in ethischer und verantwortungsvoller Weise mit Konflikten umgehen?
Eine Diskussion zwischen Wanda Coelho und Michael Gabathuler eröffnete den Tag und gab Einblick in das vergangene und aktuelle Erleben junger Menschen in Institutionen, insbesondere in Konfliktsituationen zwischen Peers oder mit den Erwachsenen. Anschliessend erläuterte Basile Perret seine Überlegungen dazu, wie Fachpersonen sowie Kinder und Jugendliche für die Prävention von Mobbing unter Peers im institutionellen Kontext sensibilisiert und mobilisiert werden können.
Schliesslich erörterte Andrea Gehrig die Frage des Umgangs mit Grenzverletzungen in Institutionen und Heimen. Sie zeigte Risikofaktoren auf und ging auf mögliche zu prüfende Ansätze für die Einführung von Abläufen im Bereich Prävention, Intervention und Begleitung ein, die sowohl nachhaltig als auch kohärent und an die Realität der jeweiligen Organisationen angepasst sind.
Am Nachmittag konnten in mehreren thematischen Workshops verschiedene zentrale Fragen eingehender diskutiert werden: Prävention von herausfordernden Verhaltensweisen bei Kindern mit einer intellektuellen Beeinträchtigung, Deeskalationsstrategien und Krisenprotokolle aus Sicht der betroffenen Kinder oder auch Präsentation des Nationalen Programms zur Stärkung der Beziehungskompetenzen.
Runder Tisch: Umsetzung auf kantonaler Ebene
Zum Abschluss der Tagung fand ein Runder Tisch statt unter Teilnahme von Frau Bärtschi von der SODK. Der Fokus des Gesprächs lag auf der Verantwortung der Kantone für die Umsetzung des Grundsatzes der gewaltfreien Erziehung gemäss Artikel 302 ZGB. Es wurde auf die fehlenden nationalen Ressourcen für die Sensibilisierungsarbeit hingewiesen und gleichzeitig die gemeinsame Verantwortung aller Ebenen betont. Ebenso wurde unterstrichen, dass die Zivilgesellschaft beim Aufrechterhalten der Dynamik, aber auch bei der Überprüfung, ob das Prinzip der gewaltfreien Erziehung in jedem Kanton auch wirklich umgesetzt wird, eine wichtige Rolle spielt.
Vielen Dank an alle, die zum Gelingen der Tagung beigetragen haben!
Zur Veranstaltungsseite und den Präsentationen
Wir treffen uns am 11. und 12. März 2027 zur nächsten nationalen Tagung Sozial- und Sonderpädagogik!
Quellen
- Kinderschutz Schweiz:
- Gewaltfreie Erziehung – Info & Material
- Psychische Gewalt- Faktenblatt für Fachpersonen
- Sozialpädiatrisches Zentrum SPZ Winterthur
- Bericht Cattagni&Romain-Glassey: «Erfahrungen, Ressourcen und Bedürfnisse von Kindern, die Gewalt in der elterlichen Paarbeziehung ausgesetzt sind.»
- Das Kummerbuch von Svenja Kerkeling: Link
- OKey Fachstelle Winterhur
- Maria Mögel, babyundkleinkind
- Andrea Gehrig GmbH
- Erich Roth und ProDeMa
- Radix. Herzsprung


