Kindheit ohne Gewalt

Blick einer jungen Frau auf die gewaltfreie Erziehung, die in der Schweiz neu gesetzlich verankert ist

Per 1. Juli tritt in der Schweiz endlich das Prinzip der gewaltfreien Erziehung in Kraft. Ein grosser Schritt nach vorn für den Kinder- und Jugendschutz in unserem Land, das damit – entsprechend der Kinderrechtskonvention – seiner Schutzpflicht gegen jegliche Form von Gewalt nachkommt.

Zu diesem Anlass lässt Integras mit Wanda Coelho eine junge Care Leaverin zu Wort kommen, die sich aktiv an der nationalen Fachtagung Sozial- und Sonderpädagogik zum Thema der gewaltfreien Erziehung und der unsichtbaren Formen von Gewalt im März 2026 eingebracht hat.

Gewalt und ihre zahlreichen Aspekte

Ein Beitrag von Wanda Coelho

«Gewalt» ist ein Wort, das wir alle kennen. Das Thema ist in der Presse, den sozialen Medien und auch sonst überall omnipräsent. Einige von uns haben Gewalt mitangesehen, andere haben sie erlebt, wieder andere haben sie vielleicht ausgeübt. Denken wir an Gewalt, kommen uns vor allem Bilder von körperlicher Gewalt in den Sinn. Dabei vergessen wir oftmals, dass sie sich nicht auf diese sichtbare Form beschränkt. Gewalt kann auch wenig sichtbar bis unsichtbar sein. Sie kann die unterschiedlichsten Formen annehmen und in den verschiedensten Umfeldern auftreten, etwa in Form von Gewalt in der Ehe, in der Erziehung, sexueller Gewalt oder auch Mobbing.

Zum Einstieg ein paar Worte zu mir

Mein Name ist Wanda Coelho. Ich bin vor ein paar Monaten 18 Jahre alt geworden. In diesem Artikel möchte ich Ihnen darlegen, was Gewalt aus meiner Perspektive als ehemals fremdplatzierte Jugendliche ist und was aus meiner Sicht eine gewaltfreie Erziehung bedeutet. Dabei stütze ich mich auf meine eigenen Erfahrungen und die Schlüsse, die ich daraus gezogen habe, aber auch auf das, was ich an der nationalen Fachtagung von Integras im März 2026 in Bern gelernt habe und was sich mir am meisten eingeprägt hat.

Ich bin in Brasilien geboren und dort bis zum 12. Altersjahr aufgewachsen. Ende 2019 musste ich in die Schweiz ziehen, da die Beziehung mit meinen Eltern zeitweise sehr schwierig war. Sie zeigten auch gelegentlich misshandelnde Verhaltensweisen und waren nicht immer in der Lage, sich so um mich zu kümmern, wie ich es gebraucht hätte. Bei meiner Ankunft in der Schweiz wohnte ich während ungefähr zwei Jahren mit meiner älteren Schwester zusammen, musste aber 2022 in einem Heim untergebracht werden, weil sich unsere Beziehung im Verlauf verschlechtert hatte. Bis zu meiner Volljährigkeit war ich fremduntergebracht, heute lebe ich in einem eigenen Studio. Auf meinem Lebensweg bin ich immer wieder Gewaltsituationen begegnet, seit zartestem Kindesalter. Ich habe in meiner Kindheit körperliche Gewalt erlebt, hauptsächlich aber psychische. Beide Formen der Gewalt haben sich auf meine Entwicklung ausgewirkt, weshalb ich mich von diesem Thema betroffen fühle. Ich finde es grundlegend wichtig, über Gewalt zu sprechen.

Meine Zusammenarbeit mit Integras begann im Frühjahr 2025

Einer der Betreuer in meinem früheren Heim hatte mir vorgeschlagen, an einem Interview teilzunehmen, bei dem es darum ging, fremduntergebrachte Kinder und Jugendliche zu fragen, ob sie den Eindruck hätten, dass ihre Rechte in der Institution gewahrt würden. Anlässlich dieses Interviews lernte ich Jessica Pierobon, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Integras, kennen. Sie befragte mich und zwei weitere Jugendliche von 11 und 13 Jahren.

Dieses Interview hat mich stark berührt: Es war das erste Mal, dass jemand mich fragte, wie ich meinen Alltag im Heim erlebt habe. Besonders tief ging mir, dass Jessica mir bei meinen Antworten wirklich zuhörte. Es gab kein Richtig oder Falsch, nur die Realität aus meinem Blickwinkel und das genügte.

Bei diesem Interview konnte ich von vielen Situation im Heim erzählen, die mich geprägt haben, von Verhaltensweisen der Betreuer*innen und auch der anderen Jugendlichen, von Regeln und Protokollen, die in meinen Augen wenig sinnvoll waren und die mich mehr in Schwierigkeiten brachten, als mir zu helfen. Jessica hat zugehört und sich anschliessend bei mir bedankt.

Ein paar Monate später nahm sie erneut mit mir Kontakt auf, um meine Meinung zum Thema der nationalen Fachtagung in Bern rund um die gewaltfreie Erziehung zu hören. So kam es dazu, dass ich in die Organisation der Tagung eingebunden wurde, wobei im Verlauf die Frage aufkam, was ich zu der Tagung beitragen könnte und welche Themen ich ansprechen möchte.

Ich habe schliesslich eingewilligt, einen zusammenfassenden Bericht über den ersten Tag aus meiner Perspektive zu erstatten, am zweiten Tag am Runden Tisch mit Herrn Gabathuler teilzunehmen und schliesslich einen Workshop mit Fachpersonen für Kinderrechte zu leiten.

17. März: Startschuss zur Tagung

Der erste Tag der Veranstaltung befasste sich mit der Frage nach den unterschiedlichen Typen unsichtbarer Gewalt und danach, wie Fachpersonen sie besser erkennen können. Es folgten sich verschiedene Referate, die die Frage aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchteten.

An diesem ersten Tag war ich Zuhörerin und Zuschauerin. Es ging darum, einfach zuzuhören und jene Punkte festzuhalten, die mir am wesentlichsten erschienen. Ziel war es, dass ich zum Auftakt des zweiten Tages eine Zusammenfassung der besprochenen Themen geben konnte – mit meinen eigenen Worten und aus meiner Perspektive.

Ganz zu Beginn zeichnete Frau Sidler den langen politischen Weg nach, den es gebraucht hat, um die gewaltfreie Erziehung in der Schweiz gesetzlich zu verankern. Sie zeigte auch die konkreten Veränderungen auf, die damit verbunden sind: klare Grenzen und die Möglichkeit für Fachpersonen, das Thema mit den Eltern ansprechen zu können und hierfür auch eine Legitimität zu haben sowie ihnen aufzuzeigen, dass dies neu eine Pflicht ist.

Anschliessend erläuterte Frau Dr. Sorgo, was psychische Gewalt ist, welche Folgen sie für Kinder hat und wie Fachpersonen damit umgehen können.

Meines Erachtens ist das Schwierigste beim Reden über psychische Gewalt, dass deren Wahrnehmung subjektiv sein kann und damit die Gefahr besteht, dass die Berichte bagatellisiert werden. Psychische Gewalt im Alltag kann sich in Akten äussern, die als harmlos eingestuft werden können – etwa eine Reaktion einer erwachsenen Person, die das Kind nicht versteht oder die es als persönlichen, direkt auf sich gemünzten Angriff erlebt. Kommt es zu einer Häufung solcher Erlebnisse im Verlauf der kindlichen Entwicklung, beeinflusst dies die Art des Kindes zu denken, zu leben und zu interagieren.  Es kann sogar zu Veränderungen im körperlichen und genetischen Bereich kommen. Zum Beispiel: Wenn ein Elternteil seinem Kind immer wieder sagt, dass es « alles falsch macht », wenn es einen Fehler gemacht hat, erzeugt dies beim Kind das Gefühl, nicht zu genügen. Es kommt zur Überzeugung, dass nichts von dem, was es macht, gut genug ist. Wenn hingegen die erwachsene Person, die einen solchen Kommentar gemacht hat, danach auf das Kind zugeht, sich entschuldigt und erklärt, weshalb sie so reagiert hat, wird die Aussage nicht mehr als eine Form der psychischen Gewalt angesehen.

Schlecht für das Kind ist nicht die Reaktion oder die ungeschickte Sanktion der erwachsenen Person, sondern eher das Fehlen einer Erklärung, fehlendes Zuhören oder fehlende Geduld. Auch wenn sich hinter derartigen Bemerkungen gute Absichten verbergen mögen, können sie schwerwiegende Konsequenzen haben, die man nicht sofort sieht. Ein Satz, der in mir besonders nachgehallt hat und den ich hier festhalten möchte, lautete: eine Absicht ist nicht sichtbar, eine Reaktion oder eine Handlung dagegen schon. Dies zeigt, wie wichtig es ist, sich einem Kind gegenüber klar und lesbar zu verhalten.

Frau Dr. Sorgo betonte in ihrem Referat auch, dass man die affektive Vernachlässigung nicht aus dem Blick verlieren sollte. Dies scheint mir wichtig, denn sie wird oft übersehen. Wir sprechen häufig von Vernachlässigung und meinen damit die fehlende Befriedigung grundlegender Bedürfnisse einer abhängigen Person, etwa Hygiene, Ernährung, Sicherheit. Dabei sind Aufmerksamkeit, Präsenz, Verfügbarkeit und Zuwendung einer erwachsenen Person für ein Kind ebenso grundlegend und es erlebt es als ebenso traumatisierend, wenn diese Bedürfnisse unbefriedigt bleiben.

Im Anschluss befassten sich Frau Cattagni und Frau Romain-Glassey mit einer anderen Form der psychischen Gewalt: Wenn Kinder Zeugen von ehelicher Gewalt werden. Sie stellten uns ihre Forschungsergebnisse vor und liessen uns an Erfahrungsberichten von Kindern teilhaben, die Gewalt zwischen ihren Eltern haben miterleben müssen.

Eheliche Gewalt wirkt sich stark auf das Leben von Kindern und Jugendlichen aus. Wer sie miterlebt, fühlt Ohnmacht, Angst, Einsamkeit und Unsicherheit in den eigenen vier Wänden. Die erhobenen Daten zeigen, dass in der Mehrheit der Fälle häuslicher Gewalt der Vater die Gewalt ausübt und die Mutter sie erleidet. In den meisten Fällen äussert sich die Gewalt nicht nur in psychischer, sondern auch physischer Form und oftmals sind die Kinder in akuten Krisenphasen zugegen.

Ein für mich wesentlicher Aspekt des Referats war die Feststellung, dass viele der befragten Kinder und Jugendlichen die gleichen Probleme schilderten: eine ständige Angst, auch wenn kein Gewaltrisiko mehr besteht; Schwierigkeiten, selbst eine Liebesbeziehung einzugehen aus Angst, das gleiche zu erleben wie die Eltern; eine Tendenz der älteren Kinder, ihre jüngeren Geschwister zu schützen und dabei manchmal die Elternrolle zu übernehmen. 

Die Berichte der befragten Kinder und Jugendlichen haben mich stark betroffen gemacht

Sie beschrieben nicht nur, was sie erlebt haben, sondern auch, wie schwer es ist, mit Fachpersonen darüber zu sprechen aus Angst, die Situation zu Hause zu verschlimmern. Manche berichteten von ungeeigneten Interventionen, mit denen sie nicht geschützt wurden und die manchmal die häusliche Gewalt sogar verstärkt haben. So schilderte zum Beispiel eine Jugendliche, dass ihr Vater trotz einer Polizeiintervention ohne weitere Folgen zurückgekommen und noch aggressiver geworden sei. Eine andere erzählte, dass sie mit der Schulpsychologin gesprochen habe. Diese habe danach einfach die Eltern kontaktiert und so dem Vater ermöglicht, die Situation zu bagatellisieren, ohne weitere Folgen, was schliesslich die Gewalt noch verstärkt habe.

Dies erklärt, weshalb betroffene Kinder zögern, ehe sie über das Erlebte sprechen: Sie haben Angst vor den Folgen und dass man sie nicht richtig anhört, was ihr Gefühl von Einsamkeit noch verstärkt. Diese Erfahrungsberichte haben klar den Bedarf nach Zuhören, Anerkennung und Unterstützung ausgedrückt, durch einfache Gesten und eine Einbindung der Kinder in Entscheidungen, anstatt sie ihnen einfach aufzuzwingen.

Der erste Tag der Tagung rückte einen Punkt ins Zentrum, den ich absolut wesentlich finde und der mir nahe ging: Gewalt hat grosse Auswirkungen auf Opfer und Zeugen, welche Form auch immer sie annimmt. Unsichtbare Gewalt prägt genauso stark wie ein körperlicher Angriff und es ist wichtig, sie nicht zu bagatellisieren.

Der zweite Tagungstag befasste sich mit der Frage, wie die Reproduktion von Gewalt in Institutionen und Heimen verhindert werden kann und wie man mit Konflikten ethisch und verantwortungsvoll umgeht.

Nach meinem Rückblick auf den ersten Tag ging es weiter mit dem Runden Tisch mit Michael Gabathuler. Als Autor des Buches «50 Jahre Sturm», das sich auf Archivforschung und Gespräche stützt, konnte er eine historische Perspektive einbringen, während ich das Publikum an meinen viel gegenwärtigeren Erfahrungen aus dem Heim teilhaben lassen konnte.

Vor 50 Jahren herrschten in den Heimen andere Zeiten

Gewalt wurde eher toleriert als heute. Zum Glück haben sich die Praktiken und Rahmenbedingungen heute wesentlich verbessert.

Die Berichte der früheren Heimbewohner sprechen von ganz unterschiedlichen Erfahrungen, die aber doch von körperlicher und manchmal auch sexualisierter Gewalt geprägt sind. Dennoch sind es vor allem die psychischen Gewalterfahrungen — Vernachlässigung, Stress, Empathiemangel, unverhältnismässige Strafen —, die sie am meisten geprägt haben. Während die körperliche Gewalt oftmals banalisiert und bagatellisiert wird, hinterlassen die unsichtbaren Verletzungen dauerhafte Spuren. Die Konflikte zwischen den Jugendlichen und den Erwachsenen waren zahlreich und geprägt von Machtmissbrauch durch die Erwachsenen, fehlender Kohärenz und kaum existierender Aufmerksamkeit für gemeldete Übergriffe. Dies löste bei den Jugendlichen heftige Reaktionen aus, um sich Gehör zu verschaffen.

Sicher sind solche Praktiken heute in Heimen sehr selten geworden oder existieren gar nicht mehr. Gleichwohl gibt es Parallelen, die trotz mehrerer Jahrzehnte Abstand fortbestehen. Während meines Lebens im Heim war ich nie mit Situationen körperlicher Gewalt konfrontiert. Aber bei genauerem Hinschauen hatten alle meine negativen Erlebnisse mit psychischer Gewalt zu tun und manchmal auch mit affektiver Vernachlässigung. Sie wirken sich auch heute noch in meinem Leben aus. Als Beispiel möchte ich die fehlende Verfügbarkeit der Betreuer*innen nennen und ein permanentes Gefühl, unsichtbar zu sein. Wenn ich mich nicht in einer absoluten Notlage befand, hatten die Betreuer*innen keine Zeit für mich. Wenn ich nicht proaktiv nach Beziehung suchte, kam niemand auf mich zu. Natürlich spielt die Realität des Heimalltags hierbei eine Rolle: Die Betreuer*innen sind immer mit jenen Jugendlichen beschäftigt, die am meisten Lärm machen, oder mit den Jüngsten, die noch sehr abhängig sind.  Trotzdem bin ich der Ansicht, dass man auch den stillen Jugendlichen Beachtung schenken sollte, jenen, die weniger Raum einnehmen oder die unabhängiger erscheinen.

In den Konflikten zwischen Jugendlichen und Erwachsenen habe ich ein Schema ausmachen können, das recht häufig vorkam: Ein Jugendlicher wurde aufgrund eines unpassenden Verhaltens sanktioniert. Er erachtete die Strafe als unverhältnismässig und fühlte sich ungerecht behandelt. In der Folge wollte er sich verteidigen und griff die erwachsene Person frontal an. Und genau da brach der Konflikt aus. Ein Rahmen, der nicht klar, nicht erklärt und nicht gerechtfertigt ist, schafft ein Unverständnis, das zu einem Unrechtsgefühl führt, das seinerseits in einer Verteidigungshaltung mündet. In Fällen, in denen eine Sanktion klar war und erklärt wurde, war das betroffene Kind zwar auch nicht begeistert, aber seine Reaktion war eindeutig ruhiger. Natürlich versuchte es, sich zu beschweren, wie dies jedes Kind tut. Aber es hatte nicht dieses Unrechtsgefühl und damit nicht mehr den Bedarf, sich zu verteidigen.

Die Beziehung zwischen einem Jugendlichen und einer erwachsenen Person wird brüchig, wenn der Jugendliche eine Übertretung meldet und dies bagatellisiert und für unerheblich erklärt wird. Damit wird dem Jugendlichen signalisiert, dass er kein Recht hat, sich zu äussern. Er wird sich daraufhin verschliessen und damit das Vertrauensband schwächen, das zwischen dem Betreuer und ihm bestehen sollte.

Zusammenfassend waren Herr Gabathuler und ich uns in dem Punkt einig, dass es unerlässlich ist, das Konzept der gewaltfreien Erziehung weiterzuführen, mit einem klaren Rahmen, mit Raum für Gespräche und einem echten Zuhören. Konflikte lassen sich nicht immer vermeiden, aber es muss anders mit ihnen umgegangen werden. Dies erfordert, dass die Jugendlichen und die Betreuer*innen zusammenarbeiten und einen lösungsorientierten Ansatz verfolgen. Wichtig sind aber auch ein regelmässiger Austausch, eine neue Vorstellung von Autorität und vertrauensfördernde therapeutische Beiträge.

Danach stand das Referat von Basile Perret auf dem Programm, der über Mobbing zwischen Peers in Institutionen berichtete. Er definierte diese Art von Mobbing als wiederholte Gewalt durch eine Gruppe gegenüber einer Zielperson. Dabei beginnt die Gewalt oftmals mit minimalen Aggressionen und wird mit der Zeit immer häufiger und immer heftiger.

Einer der von Herrn Perret vorgestellten Erfahrungsberichte zeichnete ein solches sich steigerndes Mobbing nach: Es begann mit Ausschluss und steigerte sich dann über Beschimpfungen bis hin zu körperlicher Gewalt. Trotz mehrfacher Meldungen des betroffenen Opfers bei mehreren Erwachsenen blieb das Ganze folgenlos, wobei der betroffene Jugendliche mit der Zeit suizidäre Gedanken zu entwickeln begann.

Dieser Bericht unterstreicht die zentrale Rolle der Erwachsenen: Fehlende oder bagatellisierende Reaktionen verschärfen die Situation für die Opfer, denen man gleichzeitig signalisiert, dass ihre Klagen nicht berechtigt sind. Wie ich bereits zuvor erklärt habe, hat psychische Gewalt ein ebenso grosses Gewicht wie physische Gewalt. Eine inadäquate Reaktion von Erwachsenen im Umfeld des Kindes ist nicht nur kontraproduktiv, sondern stellt selbst eine Form einer unsichtbaren Gewalt gegenüber dem betroffenen Kind dar.  Deshalb ist die Rolle der Erwachsenen so wichtig: Sie müssen in der Lage sein, in adäquater Weise auf Mobbing zu reagieren, aber auch, problematische Situationen zu erkennen, die Aussagen der Opfer zu hören und gleichzeitig mit ihnen Lösungen zu finden versuchen.

Ich finde im Bereich von Mobbing insbesondere den Horden-Effekt sehr interessant: Die Jugendlichen zeigen in der Gruppe ein Verhalten, das sie individuell nicht wagen würden. Das Opfer ist in der Regel isoliert, während die Täter zu einer einflussreichen Gruppe gehören. Bei den ersten Mini-Aggressionen zögern Zeugen oftmals zu intervenieren aus Angst, selbst zur Zielscheibe zu werden. Sie machen also mit oder schweigen. So aber leiden alle: das Opfer, die Zeugen und die Täter. Die Gründe für diese Verhaltensweisen müssen verstanden werden, um eine Stigmatisierung zu verhindern und passende Reaktionen zu zeigen.

In seinem Referat zeigte Herr Perret auch auf, wie wichtig die Prävention zwischen Peers ist, da es für sie oftmals einfacher ist, gewisse Situationen zu erkennen. Dabei bleibt die Verantwortung für den Rahmen natürlich bei den Erwachsenen. Es braucht eine enge Zusammenarbeit zwischen Fachpersonen (Betreuer*innen, Erzieher*innen, Lehrer*innen, Polizei), um die Situationen konstant zu verfolgen, die verschiedenen Standpunkte miteinander abzugleichen und in passender und verhältnismässiger Weise zu reagieren.

Am Schluss des Vormittags befasste sich Frau Gehrig mit einem Thema, das meiner Ansicht nach oft noch ein Tabu darstellt: Wie gehen wir mit Grenzverletzungen und dem Überschreiten von persönlichen roten Linien um? Über welche Instrumente verfügen die Institutionen, um solch heikle Situationen handzuhaben?

In Organisationen, die mit Minderjährigen arbeiten, nimmt diese Frage oftmals viel Raum ein. Wie soll die Institution reagieren, wenn Mitarbeitende Opfer von Gewalt durch einen Jugendlichen werden oder umgekehrt? Dabei ist es wichtig, beide Seiten einzubeziehen, ohne ihre jeweilige Situation zu bagatellisieren.

Solche Grenzüberschreitungen erfolgen oftmals, wenn einer (oder mehrere) der nachfolgenden Faktoren vorliegen: grössere Wechsel im Team und in der Funktionsweise, vage Sanktionen und Regeln oder solche, die kaum diskutierbar sind. Natürlich braucht es zwingend einen Rahmen, um die Sicherheit aller garantieren zu können, aber er muss klar, kohärent und situationsangepasst sein, da er sonst kontraproduktiv wirken kann.

Frau Gehrig betonte die Bedeutung des Einbezugs der Jugendlichen in die Diskussionen rund um die Regeln. Dadurch werden ihnen die Werte der Institution vermittelt und ein auf Respekt beruhendes gemeinsames Funktionieren ermöglicht. Denn: Wie sollen die Jugendlichen sich äussern können, wenn sie spüren, dass ihre Grenzen nicht respektiert worden sind? Und wie können die Betreuer sich auf Protokolle und offizielle Regeln berufen, wenn die Jugendlichen diese nicht kennen? Die Jugendlichen müssen also befähigt werden, ihre Rechte zu kennen, aber auch unterscheiden zu können zwischen den verschiedenen Formen von Gewalt und Grenzüberschreitungen.

Um mit diesen anspruchsvollen Fragen umgehen zu können, skizzierte Frau Gehrig mehrere Möglichkeiten: ein klarer Rahmen mit einem Notfallplan und Regeln bei Grenzverletzungen; eine aktive Prävention; ein dokumentierter Verlauf, auch bei Mikrogewaltvorfällen im Alltag, ob diese nun von den Jugendlichen oder von den Fachpersonen ausgehen. Frau Gehrig betonte zudem die Wichtigkeit von Räumen für Gespräche unter den Peers und mit den Erwachsenen. Auch müssen die entsprechenden Vorgaben unbedingt zusammen mit den Jugendlichen entwickelt werden und es muss auch klar sein, dass ein vorgegebener Rahmen sich im Verlauf und je nach den Bedürfnissen aller Beteiligten entwickeln kann und soll.

Während meiner Zeit im Heim ist es vorgekommen, dass meine Grenzen nicht respektiert wurden 

In solchen Momenten war es für mich sehr schwer, mit den Erwachsenen darüber zu sprechen und ernst genommen zu werden.

Nach langem Zögern habe ich mich entschlossen, mit der Heimleitung zu sprechen. Die Reaktion darauf entsprach nicht dem, was ich gebraucht hätte, und war auch nicht wirklich angepasst. Meiner Ansicht nach darf man, wenn man von Grenzüberschreitungen spricht, nicht vergessen, dass die Grenzen bei jeder Person unterschiedlich sein können. Eine Geste, die ich als harmlos einstufe, kann auf jemand anderes ganz anders wirken. Wenn man dies mit einbezieht, kann man – so denke ich – zum folgenden Schluss kommen: Wenn jemand uns sagt, dass er oder sie sich in einer bestimmten Situation nicht wohl gefühlt hat, dann kann man sich entschuldigen, auch wenn unsere Handlung aus unserer Sicht harmlos war.

Bei meinem Entschluss, mit der Heimleitung zu sprechen, ging es nicht darum, jemanden anzuklagen. Ich berichtete einfach von Situationen mit einem Betreuer, in denen ich mich unwohl gefühlt hatte, betonte aber auch, dass ich seine Absichten nicht kannte. Man antwortete mir, dies sei eine Interpretation von mir, die aus meinem Erlebnis heraus komme. Mag sein… aber ich hätte mir trotzdem eine Entschuldigung gewünscht oder zumindest, dass man mich ernst nimmt, ohne dass mein Gefühl in diesen Situationen für nichtig erklärt wurde. Irren ist menschlich, Absichten sind nicht immer sichtbar und können auch in Missverständnissen enden. Aber wenn eine Handlung als falsch erlebt wird, sollte es möglich sein, sich zu erklären, sich zu entschuldigen und das eigene Handeln anzupassen, um zu vermeiden, dass sich die Situation wiederholt.

Wenn man von Grenzüberschreitungen und der damit verbundenen Gewalt spricht, ist mir wichtig klarzustellen, dass darunter nicht nur sexuelle Gewaltformen zu verstehen sind. Eine andere Situation, die ich im Heim erlebt habe, zeigt dies recht gut auf: Zu Beginn meiner Platzierung verstand ich mich sehr gut mit einer der Betreuerinnen. Als ich älter wurde, begann ihr Umgang mit mir jedoch für mich problematisch zu werden. Sie nahm eine beinahe mütterliche Rolle ein und wenn ich Raum brauchte, gestand sie mir diesen nicht zu. Ich fühlte mich eingeengt und erstickt. Ich versuchte, mit ihr darüber zu reden, aber es änderte sich nichts. Mir schien, als ob sie Privates mit Beruflichem vermischte und mich in eine Rolle versetzte, die nicht meine war. Aber ich schaffte es nicht auszudrücken, was ich empfand, und auch nicht, meine Grenzen zu zeigen – aus Angst, sie zu verletzen, und vor ihrer Reaktion. Sie hatte mir gezeigt, dass meine Worte eine starke Wirkung auf sie ausübten (erst den Tränen nah, dann distanziert), was meine Schwierigkeiten noch verstärkte.

Ihre erstickende Präsenz zeigte sich auch darin, dass sie an meinem Leben teilhaben wollte, ohne dies immer in adäquater Weise tun zu können. Sie wollte mich zum Beispiel unbedingt zu einem Schultermin begleiten, der ausserhalb ihrer Betreuungszeit lag, obschon ein anderer Betreuer verfügbar gewesen wäre. Zu diesem Termin brachte sie ihren Sohn im Kleinkindalter mit, wodurch sie ihre begleitende Rolle nicht vollumfänglich wahrnehmen konnte. Als ich mit der Heimleitung darüber sprach, erklärte man mir, dass dies halt ihre Art sei und man sie nicht ändern könne. Diese Reaktion hat mich geprägt: Ich hatte das Gefühl, dass meine Erklärungen bagatellisiert wurden.
Diese beiden Erlebnisse haben mich wirklich in Schwierigkeiten gebracht und doch konnten die Fachpersonen um mich herum nicht in der Art reagieren, die ich gebraucht hätte. Dies hat zu einer Entfremdung und einem Vertrauensverlust zwischen mir und dem Team geführt. Wie weiter oben schon gesagt: Werden Grenzüberschreitungen nicht ernst genommen und nicht auf eine gute Weise behandelt, fördert dies Konflikte zwischen den Jugendlichen und den Erwachsenen. Meine beiden Beispiele zeigen dies anschaulich auf.

Am Nachmittag des zweiten Tages leitete ich dann einen Workshop mit Fachpersonen für Kinderrechte

Dabei befassten wir uns mit der wichtigen Frage, wie wir Krisen handhaben und die bestehenden Regeln und Protokolle umsetzen können. Der Workshop lancierte einen Dialog rund um die Frage: Wie können wir das Kind ins Zentrum der Überlegungen zurückführen und gleichzeitig seine Sicherheit, den institutionellen Rahmen und die Wahrung seiner Rechte in Krisensituationen vereinbaren?

Wir sprachen auch über die Auswirkungen, die Krisen auf die ganze Gruppe haben können. Die Kinder, die der Krisensituation als Zeugen beiwohnen, können davon ebenso betroffen sein wie jene, die aktiv in die Krise involviert sind. Ich unterscheide zwei Arten von Krisen: die innere Krise, die die betroffene Person für sich behält oder gegen sich selbst richtet, und die äussere, sichtbare Krise, in der das Unwohlsein gegen die anderen gerichtet wird.

Beide Krisentypen sind schwierig handzuhaben. Trotzdem: In meiner Heimkarriere nahmen die äusseren Krisen oft den ganzen Raum ein und reduzierten die Verfügbarkeit der Betreuer*innen für den Rest der Gruppe. Wenn ich Zeugin solcher Krisen wurde, entstand bei mir ein starkes Gefühl der Unsicherheit und des Unbehagens, das ich mit anderen Jugendlichen teilte.

Im Alltag drängten mich diese ständigen Krisen in eine Form von Hypervigilanz mit der ständigen Angst, dass ich eine neue Krisensituationen auslösen könnte. Bei ganz besonders gewalttätigen Episoden, die bis zur Polizeiintervention gehen konnten, war meine Angst noch stärker. Wir konnten von den Fachpersonen wegen deren beruflichen Schweigepflicht keine Erklärungen verlangen, aber aus heutiger Warte finde ich doch, dass ein Minimum an Information und eine sicherheitsvermittelnde Haltung der Betreuer*innen wesentlich gewesen wäre, um uns zu beruhigen und uns zu zeigen, dass wir für die Situation nicht verantwortlich waren.

Anlässlich des Workshops konnte ich darlegen, dass die Krisenprotokolle uns nie vorgestellt wurden, sodass die Grenzen in Krisensituationen unklar waren. Wir wussten nicht, ob die Erwachsenen noch im Recht waren oder ob sie Grenzen überschritten hatten. Hingegen bestand ein Reglement für die Jugendlichen: die «Konsequenzenpyramide», die jedes Verhalten mit einer Sanktion verband. Auch wenn die Idee theoretisch sinnvoll erscheinen mag, war sie doch in der Praxis nicht sonderlich sinnvoll: Die Sanktionen waren die gleichen für alle, unabhängig vom Alter, den Bedürfnissen oder der Geschichte der Jugendlichen und ohne dass diese in die Erarbeitung der Pyramide einbezogen worden wären.

Protokolle sind aus meiner Sicht unverzichtbar. Wenn sie in passender Weise erarbeitet und angewendet werden, können sie die Sicherheit und das Wohlergehen der Gruppe garantieren. Jedoch bin ich der Ansicht, dass gewisse Protokolle die Rolle des roten Fadens spielen sollten, der eine klare Grenze zieht und doch Raum lässt für mögliche, bedürfnisorientierte Anpassungen. Dies hilft dabei, ein Unrechtserleben bestimmter Gruppenmitglieder zu vermeiden.

Ebenfalls zentral erscheint mir – und das habe ich in diesem Artikel mehrmals anmerken können – der Raum, den das Gespräch einnehmen soll und den man ihm gibt. In meinem ehemaligen Heim gab es einen «Präsidenten der Jugendlichen», an den man sich im Bedarfsfall wenden konnte. Dieser war zum Zeitpunkt meiner Erlebnisse ungefähr 12 Jahre alt, während ich kurz vor dem 18. Geburtstag stand. Die Heimleitung hatte mich schon gefragt, weshalb ich mich nicht an ihn wende, um die Probleme, die ich im Heim erlebte, an obere Instanzen weiterzuleiten. Die Antwort ist ganz einfach: Mir war nicht wohl bei der Vorstellung, dass ich über die Vorkommnisse mit einem so jungen Menschen sprechen sollte, dessen Rolle es auch nicht war, sich darum zu kümmern. Mit den anderen Jugendlichen, die ungefähr in seinem Alter waren, schien dies gut zu funktionieren und ich denke, dass es eine gute Lösung sein kann, einen Vertreter der Jugendlichen zu haben. Sie muss aber in einer sinnvolleren Weise organisiert werden, mit zwei «Präsidenten der Jugendlichen», einem für die jüngeren Kinder und einem für die Teenager. Auch wäre es ideal, wenn in einem solchen Gesprächsraum eine nicht-wertende Haltung herrschen würde und die Erlebnisse der Jugendlichen weder bagatellisiert noch banalisiert würden.

Mein Fazit

Die beiden Veranstaltungstage am 17. und 18. März beinhalteten viele Fragen, Erklärungen, Überlegungen und Lerninhalte für alle Teilnehmenden. Dass ich bei diesem Prozess mit dabei sein konnte, hat mich sehr berührt, da ich – neben neuem Wissen und dem Austausch mit Fachpersonen – auch die Gelegenheit erhielt, mich zu äussern. In meinem bisherigen Leben bin ich nicht oft angehört worden, aber während dieser Konferenz konnte ich sprechen und wurde gehört, ohne dass meine Erlebnisse als unwichtig oder als eine Bagatelle abgetan wurden. Das ist für mich sehr wertvoll.

Das wichtigste Fazit aus diesen beiden Tagen für mich ist die Erkenntnis, dass jede Form von Gewalt sich auf die Entwicklung eines jungen Menschen auswirkt und dass es wesentlich ist, aufmerksam zu bleiben, um entsprechende Situationen nicht herzustellen. Aber natürlich sind wir alle nur Menschen und werden immer mal wieder Konflikte haben. Aus meiner Sicht ist es zentral, dem Gespräch und dem Zuhören Platz zu geben, um mit Konflikten auf bestmögliche Weise umzugehen und dabei die Bedürfnisse aller Beteiligten zu respektieren.

Generell finde ich die Themen der Tagung in meinem eigenen Leben wieder und ich habe auf viele meiner Fragen mögliche Antworten seitens der Referent*innen gehört.

Gewaltfreie Erziehung ist eine ganz wesentliche Thematik für eine positive Begleitung von Jugendlichen in Institutionen. Eine Fachtagung zu diesem Thema erlaubt es, die wesentlichsten Analysen und Überlegungen für ein gutes Funktionieren in den diversen Bereichen der sozialen Arbeit zusammenzuführen.

Ich möchte diesen Artikel auch dafür nutzen, um dem ganzen Team von Integras, das dieses Projekt realisiert hat, sowie allen Referent*innen und Teilnehmenden von Herzen zu danken.

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