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«Vom Heim zum Proficenter»

Die Zürcher soziale Einrichtung sieht ihre Stärke in der Offenheit, mit der sie den Bedürfnissen von muskelkranken Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen begegnet. Der Erfolg bestätigt es.

 

Der Weg zur Mathilde Escher Stiftung führt mit dem Zürcher Tram Nummer elf bis zur Haltestelle Balgrist. Über ein fein verzweigtes Wegnetz zwischen den Spitälern Balgrist, Hirslanden und bald auch des neuen Kinderspitals gelangt man zum Empfang. Es erfolgt eine schriftliche Anmeldung, ab da gilt für Auswärtige Maskenpflicht. Die Prozedur des Händedesinfizierens gibt die Gelegenheit, die Dame auf dem Medaillon gegenüber an der Wand näher zu betrachten. Es zeigt Mathilde Escher, die Tochter des bekannten Industriellen Hans Caspar Escher. Sie gründete 1864 das St. Anna-Asyl für körperlich behinderte Kinder aus armen Verhältnissen mitten in der Stadt Zürich. Mit ihrem Vermögen aus elterlichem Haus gab sie der Einrichtung Statuten und rief die Mathilde Escher Stiftung als Trägerschaft des Mathilde Eschers Heims (MEH) ins Leben. Der Umzug ins Balgristquartier ein halbes Jahrhundert später wurde der Anfang einer Erfolgsgeschichte. Seither pflegt die Mathilde Escher Stiftung eine enge Zusammenarbeit mit der Universitätsklinik Balgrist.

 

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In den 1970er-Jahren wandelte sich die Mathilde Escher Stiftung zum modernen Schul- und Ausbildungsheim für Kinder und Jugendliche mit einer Muskelerkrankung, im Laufe der 1980er Jahre spezialisierte sich die Stiftung auf Muskeldystrophie Typ Duchenne. Es werden auch Menschen mit anderen Erkrankungen aufgenommen, sofern die Pflege demjenigen des Typs Duchenne ähnlich ist. Die Mathilde Escher Stiftung bietet Schule, Ausbildung, Arbeit, Wohnen, Therapie und Beratung. Da die Lebenserwartung der jungen Betroffenen anstieg, wuchs auch die Nachfrage nach Erwachsenenwohnplätzen an. Im Jahre 2011 wurde der Neubau «Cubus» in Betrieb genommen.

Frau Katharina Hildebrand, Geschäftsleiterin der Mathilde Escher Stiftung bringt es auf den Punkt: «Wir sind ein Proficenter», und führt weiter aus, wie unterschiedlich Betroffene diese Angebotspalette nutzen. Die einen wohnen und arbeiten hier und andere nutzen nur einen Teil davon. So war der Entscheid, sich vom Begriff «Heim» im Kürzel «MEH» (Mathilde Escher Heim) zu trennen, nur konsequent.  Seit letztem Jahr heisst es neu Mathilde Escher Stiftung.

Damit geht auch eine Änderung im visuellen Erscheinungsbild einher. Die grossen Lettern der Hausbeschriftung werden demnächst ausgewechselt, die neuen Briefpapiere sind im Empfang in Kartons gestapelt und warten auf den Einsatz. Der komplette visuelle Auftritt konnte Inhouse in der Grafikwerkstatt création handicap umgesetzt werden. Deren Leiter, Lukas Fischer, fasst zusammen, wie sie sich vom Bürozentrum für Behinderte zu einer ernstzunehmenden Grafikwerkstatt für KundenInnen aus dem 1. Arbeitsmarkt etabliert haben. Er geht vor und öffnet die elektronisch verschlossene Tür zur Grafikwerkstatt mit einem geübten Fusskick. Es ist eine von vielen Spezialeinrichtungen hier im Haus für Menschen mit Muskelkrankheiten.

Soeben bedauern wir unser Timing, denn wir treffen nur menschenleere Klassenzimmer und Grossraumbüros an. Es ist Pausenzeit und alle geniessen das schöne Wetter draussen. Dann sei jetzt halt eine Auszeit für die pause!, ob ich denn dieses Lehrlingsmagazin kenne?

 

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Das Lehrlingsmagazin pause! erscheint ein Mal pro Jahr mit einer Auflage von über 3000 Exemplaren und wird von den Lernenden gestaltet und produziert und von der Mathilde Escher Stiftung herausgegeben.  In der Ausbildungsabteilung der Mathilde Escher Stiftung kann die praktische Ausbildung in Mediamatik absolviert werden. «In der Grafikwerkstatt arbeiten dann  KlientInnen, die in die Grafikarbeit eingeführt worden sind, andere, die bei uns ausgebildet wurden und wieder andere, die über einen EFZ-Lehrabschluss verfügen». Die rund vierzig Mitarbeitenden der Grafikwerkstatt création handicap arbeiten professionell an Websites und Blogs und gestalten von Karten über Flyer bis hin zu Werbegeschenken. Alle Printprodukte sind Unikate und können über den gleichnamigen Online-Shop gekauft werden.

 

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Wir beschliessen die Ergotherapie zu besichtigen und treffen auf dem Weg dorthin auf die Ergotherapeutin Ute Göbbels. Mit ein paar Beispielen aus der Praxis schildert sie ihren Alltag, z.B. von einer speziellen Getränkehalterung am Rollstuhl oder von einem Fellschuh, mit dem der Betroffene auch im Winter mit dem grossen Zeh den Joystick für den Rollstuhl bedienen kann. Wenn es darum geht, die Betroffenen in ihrer Selbständigkeit zu unterstützen, so gibt es keine Antwort wie «gibt es nicht». Sehr oft arbeite sie mit den Rollstuhltechnikern zusammen oder für elektronische Peripheriegeräte mit spezialisierten Partnerfirmen. Die Schilderung assoziiert kurz die Rolle des Q, dem Tüftler bei James Bond. Aber vielleicht liegt es auch an den allgegenwärtigen Zeichnungen und Postern mit fiktiven Figuren wie Spider Man und anderen athletisch trainierten Männern.

 

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Die Frage, ob diese Vorbilder eine spezielle Anziehungskraft auf die KlientInnen hier ausüben, wird im Gespräch mit Katharina Hildebrand abgewunken. Muskelerkrankte Kinder und Jugendliche hätten wie alle anderen auch ein Flair für fiktive Figuren und Vorbilder im Sport. Die Begeisterung für den Sport sei hier gross. «Bei uns ist das Powerchair-Hockey sehr wichtig, mit der Mannschaft Iron Cats sind wir ganz vorne mit dabei. » Iron Cats sind 5-facher Schweizer Meister und nahmen an internationalen Turnieren teil. Die Gewinnerpokale in der Eingangshalle zeugen von unvergesslichen Momenten.

 

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Katharina Hildebrand hat vor einem Jahr die Geschäftsleitung der Mathilde Escher Stiftung übernommen und ist, wie sie sagt, «sehr glücklich hier zu sein.» Ein zentrales Anliegen ist ihr eine Offenheit gegenüber den persönlichen Bedürfnissen von Betroffenen. Wie zum Beispiel gemeinsame Ferien machen, in Gruppen zu reisen, zusammen eine Wohngemeinschaft zu gründen oder ein Praktikum in der ersten Arbeitswelt zu absolvieren. Sie will die Betroffenen in ihren Plänen unterstützen und sie ermutigen dran zu bleiben.  Solche Vorhaben seien ja nun wirklich nichts Sonderbares, «anders sein ist auch normal», fügt sie verschmitzt an. Genau diese Botschaft wurde unter der Leitung von Janine Strebel, Schulleiterin und Heilpädagogin an der Mathilde Escher Stiftung, in eine Filmgeschichte verpackt und am REC Filmfestival Berlin for Kids eingereicht. Der Film mit dem Titel «Anders sein ist auch normal» ist für das Festival im September 2020 nominiert und wird einem grösseren Publikum zugänglich gemacht.

Wenn Hildebrand sagt, auch die Betroffenen hätten eine Selbstverantwortung ihren Platz in der Gesellschaft zu finden, so mag das zunächst hart erscheinen. Aber sie argumentiert: «Wer soll denn über den Unsinn reklamieren, dass nur zwei Rollstuhlgänger auf einmal mit dem Eurocity zugelassen sind, wenn nicht die Betroffenen selbst?» Die Betroffenen sollen sich auch bewusst werden, dass Nicht-Behinderte nicht so viel über Muskelkrankheiten wissen. Sie sollen zu einem Austausch mit der Welt da draussen angeregt werden. «Wissen Sie, eigentlich sollte die Stiftung kleiner werden, nicht grösser», eröffnet sie ihren Zukunftsausblick. Sie sei nicht für Inklusion auf Biegen und Brechen, aber wenn die Betroffenen raus wollen, dann sollen sie es dürfen. Zumindest soll es versucht werden. Im Gegenzug dürfen alle Betroffenen hier sein, die in der Stiftung ihr Zuhause haben möchten.

In der angewandten Praxis sieht das so aus, dass Anfang Woche die KlientInnen ihre Wünsche für die Freizeitgestaltung äussern, wie z.B. an den See gehen oder einen Kinobesuch abstatten. Solche Ausflüge sind personalintensiv. Für einen Ausgang sind  Begleitpersonen nötig, ebenso um den Klienten oder die Klientin später ins Bett zu bringen. Wir können das nur anbieten, weil die Teams sich intern optimal organisieren. Die SozialpädagogInnen können Arbeiten in der Pflege verrichten und die Pflegefachpersonen sind befähigt, auch einmal mit den Betroffenen ins Kino zu gehen. Sie wurden dazu intern geschult und dürfen mit offizieller Erlaubnis diese Arbeiten ausüben. Das sei auch mit ein Grund, weshalb die Angestellten hier gerne arbeiten. Um weiter zu kommen, müssten alte Muster verabschiedet werden, es brauche kreative, neue Ansätze. Dies wäre sicher im Sinn von Mathilde Escher. Die Zürcher Gesellschaft zu Fraumünster ehrte sie für ihr zukunftsorientiertes Handeln am Sechseläuten im Jahr 2016. Eine Erfolgsgeschichte, die bis heute andauert.
 

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Rechts: Mathilde Escher, geboren 1808,  gezeichnet von Frau Dr. Luise Meyer-Ziegler (Gattin von Conrad Ferdinand Meyer).



Mathilde Escher Stiftung

Plätze: 46 + 15 (externe Schüler_innen und Lernende)
Arbeitsplätze Mediamatik/Grafik: 34
Mitarbeitende: 170 (105 Vollzeitstellen)
Organisation, Trägerschaft:    

Die Mathilde Escher Stiftung zeichnet sich durch ihr massgeschneidertes Bildungs-, Betreuungs-, Pflege-, Wohn- und Therapieangebot für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Muskeldystrophie Duchenne aus. Dabei handelt es sich um eine progredient verlaufende Muskelkrankheit, die den schubweisen Abbau der Muskulatur zur Folge hat und früher oder später zur vollständigen Lähmung und zu einer Verkürzung der Lebenserwartung führt. Die Mathilde Escher Stiftung ist in der Schweiz die einzige Institution mit dieser Spezialisierung. In der Mathilde Escher Stiftung leben auch Menschen mit ähnlichen Erkrankungen.

Mitgliedschaften: Integras, Insos, BKZ Behindertenkonferenz Zürich, Curaviva, VLZS Vereinigung Leitung Zürcher Sonderschulheime, DASSOZ Dachverband sozial- und sonderpädagogischer Organisationen Kanton Zürich, SACD Swiss Academy of Childrenhood Disability

 

Gerne informiert Sie Katharina Hildebrand bei Fragen zur Mathilde Escher Stiftung.


© Integras, Text und Fotos: Barbara Hiltbrunner Bissig, August 2020