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«Unsere Inseln tragen»

Die Tagessonderschule intermezzo hat den Auftrag, die Kinder in die Regelschule zu (re-) integrieren. Dabei will sie für den Schulaufenthalt der Kinder und Jugendlichen vor allem eins: So kurz wie möglich, aber so lange wie nötig. Um das einlösen zu können, ist das intermezzo bestrebt, eine auf allen Ebenen tragfähige und handlungskompetente Schule zu sein. Wie das gelingt, erzählt uns Danny Koopman, Gesamtleiter der Tagessonderschule Intermezzo Leutschenbach und Intermezzo Hard in Zürich.

 

Gelangt man mit dem Tram Nr. 11 vom Hauptbahnhof Zürich zur Haltestelle Oerlikerhus, ist die Tagessonderschule intermezzo in nur drei Gehminuten erreichbar. Entlang einem Glasbau führt der Weg zum Leutschenpark. Mit seiner feingliederigen Begrünung und seinen fliessenden Formen wähnt man sich eher im Süden als mitten in Zürich.

 

01 intermezzo gebaeude

 

Vielleicht ist es die Frühlingssonne und der rote Zirkuswagen, der hier zur Spiellaune anregt. Erheiternd ist der Gedanke, von hier aus von einer Sitzbank zur anderen zu springen und so um die Wette den Platz zu queren. Wie Inselhüpfen, nur eben auf feinem Kies.

  

02 intermezzo diabolo

 

Die Tagessonderschule intermezzo ist eine kantonal anerkannte Sonderschule für Kinder- und Jugendliche mit Verhaltensauffälligkeiten und Lernstörungen (Typus A) und steht unter der Aufsicht des Volksschulamts. Sie hat 38 Plätze und führt Klassen vom Kindergarten bis zur Oberstufe. Als Institution der Stiftung Zürcher Kinder- und Jugendheime (zkj) hat sie ein Ziel: die Kinder in die Regelschule zu (re-)integrieren. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer beträgt rund 300 Tage, in Ausnahmefällen auch länger.

 

03 intermezzo gang

 

Die Pause ist vorbei. Vor dem Schulhaus versammelt sich der Sportlehrer mit drei Jugendlichen. Die Stimmung ist spürbar aufgedreht, der Bewegungsdrang ist gross. Mehrmals sind Gesten der Mahnung und Aufforderung seitens der Betreuungsperson zu sehen, noch ist der Weg zur Turnhalle nicht freigegeben. Es braucht Zeit, viel Zeit.

 

04 intermezzo klassenzimmer

 

Eine Gruppe nach der anderen geht zurück zum Schulzimmer. Das Treppenhaus ist hell und breit, das Raumgefühl eher nüchtern. Koopman geht voraus und zeigt die Zimmer. Auf eine Klasse mit 5-6 Kindern kommt eine Schulische Heilpädagog/-in und ein Sozialpädagoge/-in.

«Die KJ kommen aus der ganzen Stadt Zürich. Alle waren in der Regelschule oder in der Sonderschule nicht mehr tragbar, selten kommen sie auch direkt aus der Tagesklinik. So müssen wir schnell und flexibel agieren können», kommentiert Koopman. Die Auslastung des intermezzo sei somit stets ein Thema. Hinzu kommt, dass die Auslastung im zweiten Semester grösser sei als im ersten. Denn im ersten Semester probieren die Regelschulen mit eigenen Mitteln die Herausforderungen zu meistern. Greift gar nichts mehr, kommen Angebote wie das intermezzo zum Zug. Auffallend sind die zunehmenden Anfragen auf Kindergartenstufe. Die Anmeldung ins intermezzo folgt ausschliesslich durch den Schulpsychologischen Dienst. Daraufhin findet ein Orientierungsgespräch mit allen Beteiligten statt. 

 

05 intermezzo sitzung

 

«Für ein solches Gespräch sitzen manchmal bis zu 12 Personen an einem Tisch: Eltern, Sozialpädagogen, Lehrpersonen, Psychologen, Dolmetscher und weitere Fachleute», erzählt Koopman. Wichtig ist, dass jemand klar die Koordination übernimmt. In solchen Fällen reden viele Beteiligte mit, aber oft fühlt sich keine der Parteien verantwortlich. Meist ist es das intermezzo, dass dann handelt», schildert Koopman.

Wurde diese Hürde erfolgreich genommen und besteht ein Konsens, so ist ein Wechsel während dem Schuljahr innert 2–10 Tagen möglich. «Wichtig ist, dass wir nicht als eine Überbrückungslösung verstanden werden. Unser Auftrag ist die Reintegration für die Regelschule. Wir sind ganz normal dem Lehrplan 21 verpflichtet. Nach der Reintegration bieten wir eine Nachbetreuung für drei Monate an», erklärt der Schulleiter Koopman weiter.

Bis es soweit ist, durchlaufen die KJ im intermezzo ein engmaschiges Netz an Fördermassnahmen. Umgehend nach dem Standortgespräch wird damit begonnen. Im intermezzo heissen sie Förderziele. Sie betreffen den schulischen sowie den sozialen Bereich und sind das Ergebnis einer verbindlichen Abmachung. Zur Abwechslung kann das aber auch eine Gokartprüfung mit Zertifikat sein, das die Kinder befähigt, draussen ordnungsgemäss rumzufahren.

 

06 intermezzo inselkarte

 

Jedes abgemachte Förderziel wird als eine Insel auf einem sogenannten Inselplan eingezeichnet. Von einem bis zum gegenüberliegenden Festland gilt es die individuellen Förderziele als Inseln zu bewältigen. Dadurch ist auf einen Blick zu sehen, welche Route schon zurückgelegt wurde, und welche Inseln noch erreicht werden müssen. Ein Inselplan ist auch der sichtbare Beweis für ein Beziehungsnetz rund um das Kind oder den Jugendlichen: Ein Förderziel ist eine Abmachung, ist eine Beziehung.

Das Beziehungsnetz als eine Rasterkarte, die dem Inselplan zugrunde liegt. Eines, das trägt und für das Kindswohl sensitiv agiert. Es gilt diese Beziehungen zu festigen, denn sie müssen vor allem tragfähig sein. Es ist die Voraussetzung, damit der Weg von einer Insel zur nächsten und dann ans Festland – der Reintegration in die Regelschule – gelingen kann.

Dafür braucht es ein handlungskompetentes Team von Fachkräften, das tragfähig ist. Koopman legt grossen Wert darauf, dass die Handlungskompetenz dort ist, wo das Wissen liegt. Es gäbe zu viele Reibungsverluste, wenn alltägliche Erfahrungen zuerst an die Leitung rapportiert werden müssen, bevor Massnahmen eingeleitet werden können.

Neben einem starken Vertrauensverhältnis zu seinen Angestellten erhält Koopman durch ein scheinbar simples Balkendiagramm Einsicht in die Entwicklungsphasen der KJ. Es hängt bei ihm im Büro an der Wand. Sie ist die Zusammenfassung sämtlicher Inselpläne auf einen Blick. Sind auf der vertikalen Achse alle Namen der KJ aufgeführt, so wird die entsprechende Aufenthaltsdauer horizontal angegeben. Die Farbe gibt zusätzlich über seinen Status Auskunft. Ist das Kind in Vorbereitung für den Übertritt in die Regelschule? Kann mit dem Jugendlichen auf die Berufshinführung gearbeitet werden? Wird für dieses Kind einen Aufenthalt von maximal zwei möglichen Jahren reichen?  Darüber hat Koopman in seinem Büro stets den Überblick.

 

07 intermezzo koopman

 

«Mitglied bei Integras sind wir mit intermezzo seit der Integras-Tagung in Bern 2018. Da durfte ich ein Referat abhalten, und erst nachher sind wir beigetreten.» Über diesen Anlass habe er bereits interessante Kontakte knüpfen können. Im Hinblick auf ein künftiges Projekt stehe er jetzt noch mit diesen im Austausch.

Koopman ist so etwas wie ein Vollzeit-Pädagoge. Er ist Vater von vier erwachsenen Kindern und begleitet in seiner ganzen Berufskarriere junge Menschen. Der ausgebildete Sekundarlehrer war lange Zeit tätig an der Berufswahlschule Bülach (10. Schuljahr), zuletzt als Rektor. Seit 2016 ist er Gesamtleiter der Tagessonderschule Intermezzo Leutschenbach und Intermezzo Hard in Zürich.

 

08 intermezzo lehrerteam

 

In der Cafeteria des intermezzo-Teams wird Pause abgehalten. Die Lehrer tauschen sich aus, ein Lehrer gibt ein wenig seinen Unmut preis. Die anderen hören aufmerksam zu und teilen ihre Erfahrungen dazu. Wiederum ein anderer erzählt von seinen Ferien und kommentiert seine neuesten Entdeckungen – man spürt, sie sind für einander da.

Koopman: «Das intermezzo ist in seiner Struktur sehr tragfähig», weiter fasst er zusammen, dass die Anforderungen auch einiges vom Personal abverlange. Die Fluktuation von KJ sei hoch und schnell und das in einer Zeit, in der die Regelschule mehr IF-Massnahmen zur Verfügung habe als früher. Was wiederum zur Folge habe, dass nur noch die ganz klaren Fälle zum intermezzo kommen. Mit dieser Entwicklung habe sich das Klima eindeutig verschärft.

Eine Umfrage zeigt, wie die Angestellten gern beim intermezzo arbeiten. Was Koopman sorgt, ist die Tatsache, dass die Pädagogen und Lehrer angeben, es könnte ihnen psychisch und gesundheitlich besser gehen. Das mag ein Widerspruch zu den erstgenannten Faktoren sein, dennoch ist dies ernst zu nehmen. «Man darf nicht vergessen, die Lehrpersonen und Sozialpädagogen sind manchmal auch an verbalen und physischen Übergriffen ausgesetzt, es wird gebissen, gekickt und verbal ausgeteilt.»

 

09 intermezzo leuchtturm

 

Das Leuchtturmzimmer oder das Kabinett bieten in solchen Situationen Unterstützung. Die KJ können sich hier abreagieren, die Räume sind spartanisch eingerichtet, denn hier gehen Dinge auch mal in die Brüche. 

Eigentlich seien sie eine eigenartige Einrichtung. Sind die KJ bereit für die Regelschule, verlassen sie das intermezzo wieder. Einmal habe er per Zufall einen ehemaligen intermezzo-Schüler getroffen, und «stellen Sie sich vor, der strebt heute einen Lehrerberuf an!»

Später, beim Verlassen des Schulgebäudes, kann man sich das gut vorstellen. Intermezzo-Absolventinnen und -Absolventen haben gelernt, kleinschrittig von einer Insel zur andern zu gelangen, um Ziele zu erreichen. Und sie kennen das Gefühl, vielschichtig getragen zu werden.

Und so lässt sich in der Abendsonne von einer Sitzbank zur anderen schlendern, wie Inselhüpfen, nur in die entgegengesetzte Richtung. Das intermezzo stärkt eben richtungsweisend und fördert nachhaltig.

 

Tagessonderschule intermezzo

Plätze: 38 Plätze
Belegung: Von Kindergartenalter bis Oberstufe
Mitarbeitende: 22 und 3 Zivis, 1 Sozialpädagogin i. A. (SPIA)
Organisation, Trägerschaft:     Eine Institution der Stiftung Zürcher Kinder- und Jugendheime
Mitgliedschaften: Integras

 

Gerne informiert Sie Danny Koopman bei Fragen zum intermezzo: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


© Integras, Text und Fotos: Barbara Hiltbrunner Bissig