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Kompetenzentwicklungen bei Mädchen und Jungen in der stationären Jugendhilfe

Beitrag aus der EQUALS-Forschung.
Von Nina Kind, Martin Schröder & Nils Jenkel

Unterscheiden sich Mädchen und Jungen in den sozialpädagogischen Einrichtungen in ihren allgemeinen Kompetenzen? Und gibt es Unterschiede in deren Entwicklungen über den Verlauf hinweg? In einer EQUALS-Stichprobe aus mehreren Institutionen der Schweiz wurden Kompetenzprofile von Mädchen und Jungen miteinander verglichen.

 

Im EQUALS-Tool gibt es ein Instrument, das übergeordnete pädagogische Ziele erfasst, die für viele junge Menschen mit Unterstützungsbedarf von Relevanz sind. Sie wurden im Rahmen des Modellversuchs MAZ zusammen mit Experten der Heimerziehung ausgearbeitet: Kommunikationsfähigkeit, Konfliktmanagement, Umgang/Ausdruck von Gefühlen, Verbindlichkeit/Zuverlässigkeit, Selbstständigkeit/Autonomie, Verhalten in der Schule/Ausbildung, Beziehungsfähigkeit und Empathie. Die Einschätzungen erfolgen dabei partizipativ. Bezugsperson und Klient/in stufen also gemeinsam ein, wo jede/r steht. Hierdurch findet eine direkte Auseinandersetzung statt, es werden Ressourcen und Entwicklungsbereiche veranschaulicht und – bei mehrmaligen Erfassungen – Entwicklung dokumentiert.

Für diesen Beitrag wurde untersucht, ob sich Mädchen und Jungen in den Daten aus diesem Instrument unterscheiden.

Methode

Die Auswertung basiert auf den Daten von 288 Kindern und Jugendlichen im Alter von 7 bis 24 Jahre aus insgesamt 22 Institutionen, die zwischen 2011 und 2018 die Kompetenzeinschätzungen mehrmals bearbeitet haben. In einem sog. allgemeinen linearen Modell mit Messwiederholung wurde nun untersucht, ob im Verlauf der Platzierungen Veränderungen stattfanden und ob es Unterschiede in der Entwicklung zwischen Mädchen und Jungen gab. Zwischen den Einschätzungen im Verlauf lagen im Schnitt 14 Monate. Im Modell wurde der mögliche Einfluss dieses Zeitraums sowie des Alters der Klient/Innen statistisch kontrolliert.

Ergebnisse

Mädchen werden im Schnitt oft kompetenter eingeschätzt als Jungen. In den Bereichen Beziehungsfähigkeit (z.B. „tritt in Beziehung und nimmt konstruktiv Kontakt mit Gleichaltrigen und Erwachsenen auf“, „hält Schwierigkeiten aus, ohne die Beziehung abzubrechen“) und Empathie (z.B. „nimmt in seinem Verhalten Rücksicht auf die Gefühle anderer“, „versetzt sich in andere und ihre Lage hinein, um so Verständnis für deren Perspektiven haben zu können“) ist der vergleichsweise höhere pädagogische Bedarf der Jungen statistisch signifikant.

Im Verlauf der Platzierungen kommt es über alle Klient/Innen hinweg zu einer positiven Kompetenzentwicklung. Nach Kontrolle der Einflussvariablen bleibt die Verbesserung in der Beziehungsfähigkeit statistisch signifikant.

Die Jungen machen in vier Bereichen signifikant grössere Fortschritte als die Mädchen. Sie holen auf. Diese Bereiche betrifft die Kommunikationsfähigkeit (z.B. „bringt sich in Gesprächen ein“, „lässt andere Meinungen gelten und äußert sich ohne andere abzuwerten“), das Konfliktmanagement (z.B. „vertritt Argumente und Standpunkte ruhig“, „verhält sich kompromissbereit“), die Zuverlässigkeit (z.B. „verhält sich zuverlässig, sagt beispielsweise Termine rechtzeitig ab“, „übernimmt Verantwortung wenn seine Aufgaben oder Pflichten nicht erfüllt werden“) und die Selbständigkeit/Autonomie (z.B. „achtet von selbst auf ausreichende Körper- und Kleiderhygiene“, „fragt aktiv um Hilfe bei Dingen, die er nicht gut kann“).

Diskussion

In der Heimerziehung wird bei der Förderung allgemeiner Kompetenzen der Kinder und Jugendlichen viel erreicht. Vor allem diejenigen mit einem niedrigen Ausgangsniveau und grossen Bedarf machen eindrückliche Fortschritte. Im vorliegenden Beitrag sind dies vor allem die Jungen. In Berücksichtigung der unter Jungen besonders gehäuft vorkommenden Vorerfahrung emotionaler Vernachlässigung (siehe Factsheet 5 - März 2019) ist es nachvollziehbar, dass gerade sie in einem sozialpädagogischen Milieu, in welchem sie Fürsorge, „emotionale Nachnährung“ und mit ihren Bezugspersonen starke Vorbilder erhalten, besonders profitieren.

Der Effekt, dass vor allem diejenigen mit einem besonders hohen pädagogischen/therapeutischen Bedarf grössere Fortschritte machen als andere, findet sich auch in anderen Betrachtungsweisen und anderen Forschungsergebnissen wieder. Ob er im Kontext der Heimerziehung aber gleichermassen für alle Kinder und Jugendlichen gilt und welche Wirkfaktoren sich für positive Verläufe identifizieren lassen, bleibt an dieser Stelle offen. Es ist aber naheliegend, dass bei schwer belasteten Kindern und Jugendlichen pädagogische Fortschritte nur dann erwartet werden können, wenn ihnen ein sicherer Ort geboten wird, an welchem auch korrigierende Beziehungserfahrungen wirksam werden.

 

Zusammenfassung und Visualisierung aller Ergebnisse
 

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