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Unterschiede zwischen fremdplatzierten Mädchen und Jungen. Anderes Geschlecht, andere Indikation?

Beitrag aus der EQUALS-Forschung.
Von Nina Kind, Martin Schröder & Nils Jenkel

Auf Ebene der Vorgeschichten wurden fremdplatzierte Mädchen und Jungen noch wenig systematisch gegenübergestellt. In einer umfangreichen EQUALS-Stichprobe aus mehreren sozialpädagogischen Institutionen in der Schweiz wurden nun die Angaben zu den Mädchen und Jungen über ihre kritischen Lebensereignisse, psychiatrischen Vorbehandlungen und Gründe für die Platzierungen verglichen.


In Stichproben aus der Heimerziehung werden bei bis zu 80% der untersuchten Kinder und Jugendlichen von besonders kritischen Lebensereignissen und anderen gravierenden psychischen Belastungen berichtet (Collin-Vézina et al., 2011; Kisiel et al., 2014; Schmid et al., 2013; Teicher & Samson, 2016). Im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung werden sie entsprechend häufig kinder- und jugendpsychiatrisch versorgt (Burns et al., 2004; Connor et al., 2004; Ford et al., 2007; Schmid, 2007; Trout et al., 2008). Gibt es dabei Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen? Gibt es weiter Hinweise, ob je nach Geschlecht andere Indikationen für die Platzierungen benannt werden?

Zur Methode

Die Daten für die Auswertungen stammen von 837 Kindern und Jugendlichen im Alter von 5 bis 25 Jahre aus 30 verschiedenen Institutionen, die zwischen 2011 und 2017 mit dem EQUALS-Tool erfasst wurden. In der statistischen Analyse wurde überprüft, in welchen fremdanamnestischen Daten es statistisch signifikante Unterschiede zwischen den Mädchen (n=332) und den Jungen (n=505) gab.

Ergebnisse

Kritische Lebensereignisse werden in fast allen Bereichen häufiger bei den Mädchen als bei den Jungen berichtet. Zum Beispiel haben die Mädchen bekanntermassen häufiger konflikthafte Trennungen der Eltern erlebt (71% vs. 61%) oder waren emotionalem Missbrauch (62% vs. 37%), Mangelzuständen in der Kindheit (36% vs. 26%) oder Gewalterfahrungen (68% vs. 27%) ausgesetzt. Auch die durchschnittliche Anzahl an verschiedenen kritischen Lebenserfahrungen ist bei den Mädchen signifikant höher als bei den Jungen (5.2 vs. 4.2).
In beiden Geschlechtergruppen waren bis zum Zeitpunkt der Datenerfassung ca. 70% mindestens einmalig kinder- und jugendpsychiatrisch behandelt worden. Die Prävalenz bekannter psychiatrischer Diagnosen bei rund 50% unterscheidet sich nicht zwischen den Mädchen und den Jungen. Die Jungen wurden allerdings häufiger medikamentös behandelt (36% vs. 26%).
Die angegebenen Gründe für die Platzierung unterscheiden sich ebenfalls: Bei den Mädchen wurden häufiger finanzielle/soziale Probleme der Herkunftsfamilie (82% vs. 74%), eine Suchtproblematik eines Elternteils (69% vs. 58%) und/oder konflikthafte Eltern-Kind-Interaktionen angeben (95% vs. 88%). Bei Jungen wurden hingegen häufiger deren Symptome (78% vs. 63%) sowie schulische/berufliche Leistungs- (90% vs. 83%) und Verhaltensprobleme benannt (91% vs. 81%). Die Indikationen der Platzierungen scheinen somit bei den Mädchen häufiger einem problematischen Umfeld zugeschrieben zu werden, während bei den Jungen eher Kindbezogene Faktoren benannt werden.

» Zusammenfassung und Visualisierung

» EQUALS - Ergebnisorientierte Qualitätssicherung in sozialpädagogischen Einrichtungen